Gericht: Vater lässt Säugling sterben - Sieben Jahre Haft


Montag, 02. Dezember 2019 12.41 Uhr


Aachen (dpa) - Der sechs Monate alte Junge erlitt einen Schädelbruch - laut Gericht wahrscheinlich durch einen Sturz. Der Vater liebte das Kind, holte aber keine Hilfe, stellen die Richter fest. Sie warfen dem Vater «Totalversagen» vor.

Der kleine Ben war ein Wunschkind - ein wohlbehüteter Säugling von sechs Monaten, wie die Aachener Richterin Judith Sander feststellte. Das Gericht habe keine Zweifel daran, dass der Vater sein Kind liebte. Trotzdem unternahm der 37-Jährige laut Gericht nichts, als sich der Zustand des Kleinen wahrscheinlich nach einem Sturz über Stunden zusehends verschlechterte. Das Kind starb im März in der elterlichen Wohnung in Alsdorf bei Aachen an den Folgen eines Schädelbruchs.

Die Richter des Landgerichts Aachen sprachen den Vater am Montag der fahrlässigen Tötung in Tateinheit mit versuchtem Mord durch Unterlassen schuldig. Sie verurteilten den bis dahin unbescholtenen und als verantwortungsvoll beschrieben Mann mit einem «vollkommen unauffälligen Lebenslauf» zu sieben Jahren Haft. Als er sich am Ende zu seinen Verwandten im Zuschauerraum drehte, schien seine ganze persönliche Qual an seinen Gesichtszügen ablesbar. Gegen das Urteil ist Revision möglich.

Trotz einer zunehmenden Verschlechterung des Zustands habe der Vater keine ärztliche Hilfe für das Kind gerufen. «Er war nicht bereit, Verantwortung für das Geschehene zu übernehmen», sagte die Vorsitzende Richterin Judith Sander. Sie sprach von «Totalversagen» des Mannes. Er habe über viele Stunden viele Möglichkeiten gehabt, Entscheidungen zu treffen, «die er nicht getroffen hat». Ob das Kind bei direkter medizinischer Hilfe hätte gerettet werden können, konnte das Gericht nicht feststellen. Darum wurde der Vater wegen versuchten Mordes durch Unterlassen in Verdeckungsabsicht verurteilt.

Der Mann hatte vor Gericht immer wieder seine Unschuld beteuert - auch in Briefen an die Familie: «Offensichtlich mit Erfolg. Die Familie glaubt noch immer an seine Unschuld», sagte die Richterin, nach fassungslosen Zwischenrufen und schluchzendem Weinen aus den Reihen der Zuschauer.

Der Version der Staatsanwaltschaft, der Vater habe massive Gewalt ausgeübt, folgten die Richter nicht. Ein Sturz sei naheliegend und ein lebensnahes Szenario, stellten die Richter fest. Die Anklage hatte wegen Totschlags zwölf Jahre Haft gefordert, die Verteidigung Freispruch.

Von jenem Abend im März an hielt der deutsche Vater laut Gericht die Mutter per Kurznachricht, Bild und Video auf dem Laufenden: Am Abend ein Foto von dem Kleinen, den eine Erkältung plagte, im Schlafanzug im Stubenwagen, zwei Stunden später die Nachricht, das Kind habe erbrochen. Später: Er habe den Kleinen sauber gemacht, eingepackt und jetzt suche er das Fieberthermometer.

Kurz nach 1 Uhr schickte er der Mutter eine 37 Sekunden lange Videosequenz. Die Richterin zitierte dazu einen Gutachter: «Man sieht da ein sterbendes Kind.» Dem Vater sei bewusst gewesen, dass das Kind ohne medizinische Hilfe sterben könnte. Trotzdem habe er nicht reagiert, sondern sich mit dem Video eine Absolution von der Mutter holen wollen für seine Untätigkeit. Die Mutter habe aber nicht mal auf die Idee kommen können, dass etwas passiert sein könnte.

Am nächsten Morgen die Nachricht an die Mutter: «Der ist eisekalt und atmet ganz komisch.» Da habe sich der Junge bereits in der fortgesetzten Sterbephase befunden, sagte die Richterin. Die Ankündigung der Mutter, sie komme gleich nach Hause, habe den Vater unter Handlungsdruck gesetzt. Als der Notarzt um 10.25 Uhr eintraf, hatte der kleine Ben laut Gericht eine Körpertemperatur von 34,5 Grad. Der Arzt kämpfte vergeblich 40 Minuten in einer Reanimation um das Leben des Jungen.