Justizministerium NRW
Quelle: Justiz NRW

Sprechzettel des Ministers der Justiz Peter Biesenbach anlässlich der Jubiläumsveranstaltung "100 Jahre Beiräte" zum Thema "Gemeinsam die Zukunft gestalten!" in der Justizakademie des Landes Nordrhein-Westfalen

30.01.2020

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich begrüße Sie sehr herzlich zur Jubiläumsveranstaltung „100 Jahre Beiräte“ hier in der Justizakademie Recklinghausen.

Unter einem Jubiläum versteht man gemeinhin eine Erinnerungsfeier bei der Wiederkehr eines besonderen Datums. Und ein solches Datum liegt jetzt fast genau 100 Jahre zurück. Am 01.01.1920 trat die „Allgemeine Verfügung über die Bildung örtlicher Beiräte bei den größeren Strafanstalten“ in Kraft, die zuvor vom stellvertretenden preußischen Justizminister Dr. Heinemann verkündet worden war.

•    Geschichtliche Entwicklung

Lassen Sie mich kurz wegen dieses wichtigen Anlasses auf die historische Entwicklung der Institution der Beiräte zurückblicken. In der eingangs benannten Verfügung heißt es:

„Dem berechtigten Interesse der Bevölkerung am Strafvollzug entspricht es, ihr auch auf dem Gebiete der Strafrechtspflege Gelegenheit zu mitwirkender Betätigung zu bieten. Ich bestimme deshalb, dass bei den größeren Strafanstalten örtliche Beiräte zu bilden sind, die als ehrenamtliche, neben den staatlichen Verwaltungsorganen bestehende Ausschüsse an der Überwachung des Strafvollzugs beteiligt sein sollen.“

Mit diesem Schritt vollzog Preußen einen Wandel im Justizvollzug, indem es der Bevölkerung erstmals die Tür in das ansonsten geschlossene System Justizvollzug öffnete und so Vorbildern aus anderen europäischen Ländern folgte.

Bereits im 19. Jahrhundert hatten sich in England erste Gefängnisbeiräte gebildet, die eine unabhängige und nicht zur Strafvollzugsbehörde gehörende Organisation darstellten.

Ihre Aufgaben waren die Prüfung von Beschwerden der Gefangenen, die Zuständigkeit für die Verhängung von schweren Hausstrafen, die Mitwirkung bei der Gestaltung und Fortentwicklung des Strafvollzugs.

Auf deutschem Gebiet wurden die ersten Gefängnisbeiräte im Großherzogtum Baden im Jahr 1890 eingeführt und dann, etwa 30 Jahre später, auch in Preußen, wo sie mit  Datum vom 1. Januar 1920 auch hier in unserer Region ihre Arbeit aufnahmen. Die Gefängnisbeiräte durften die Strafgefangenen in den Hafträumen aufsuchen, mit ihnen sprechen und Einsicht in die Gefangenenakte nehmen. Sie waren berechtigt, ihnen auffallende Mängel bei dem Strafanstaltsvorsteher oder bei den Aufsichtsbehörden zur Sprache zu bringen.

Im Jahr 1923 wird die in Preußen geltende Regelung für Gefängnisbeiräte im Wesentlichen in die „rechtseinheitlichen Grundsätze für den Vollzug von Freiheitsstrafen“ für das gesamte Deutsche Reich übernommen. Sie sehen ausdrücklich vor, dass nach Anordnung der Landesregierung oder der obersten Aufsichtsbehörde Beiräte aus Vertrauenspersonen außerhalb der Beamtenschaft bestellt werden. Entsprechend diesen Grundsätzen werden in den Folgejahren in den meisten deutschen Ländern Gefängnisbeiräte gebildet.

Zu Beginn der 1930er Jahre nehmen die Nationalsozialisten die Einrichtung der Beiräte dann wieder zurück. Bereits in der Dienst- und Vollzugsordnung der preußischen Justizverwaltung vom 1. August 1933 sind die Vorschriften über die Bestellung von Beiräten nicht mehr enthalten.

•    Nachkriegsentwicklung

Erst nach dem zweiten Weltkrieg führten in den Jahren 1948/ 1949 Bayern und Hamburg als erste Bundesländer die Beiräte wieder ein. In Nordrhein-Westfalen entsteht im Jahr 1967/1968 in der Justizvollzugsanstalt Siegburg ein Gefängnisbeirat nach preußischen Muster. Es folgen die Justizvollzugsanstalten Münster und Aachen.

Im Jahr 1969 beschließt Nordrhein-Westfalen, Beiräte bei allen selbstständigen Justizvollzugsanstalten einzurichten. Ende des Jahres 1970 bestehen dann bei allen Justizvollzugsanstalten des Landes NRW wieder Beiräte.

Meine Damen und Herren,

die bereits im vergangenen Jahrhundert angestoßene Entwicklung hat eine Institution hervorgebracht, die sich bewährt hat. Die Beiräte sind aus dem Justizvollzug nicht mehr wegzudenken.
Ein moderner Strafvollzug braucht Beiräte mehr dann je. Denn wenn es darum geht, straffällig gewordene Menschen wieder in die soziale Gemeinschaft zu integrieren, braucht es die kritische und konstruktive Mitwirkung von Bürgerinnen und Bürgern außerhalb des Vollzugs.

Die älteste Funktion des Beirats und eine wichtige rechtsstaatliche Komponente ist seine Kontrollaufgabe. Diese Kontrollaufgabe ist als positive Kontrolle im Sinne des Miteinanderwirkens bei der Verfolgung des Vollzugszieles, also der Resozialisierung, gedacht. Und ich verstehe diese Kontrolle gern auch wörtlich: Schauen Sie uns auf die Finger!

Denn die Zuweisung dieser Kontrollaufgabe beweist, dass die Berufung in einen Anstaltsbeirat kein rein schmückendes Ehrenamt, sondern eine verantwortungsvolle und zeitintensive Tätigkeit ist, von der letztlich alle Beteiligten profitieren.

•    Besetzung der Beiräte

Während der vergangenen 100 Jahren war die Institution des Beirates - wie auch der gesamte Justizvollzug - einem steten Wandel- und Modernisierungsprozess unterworfen, wie man an nachfolgendem Beispiel gut sehen kann:
Die schon genannte „Allgemeine Verfügung über die Bildung örtlicher Beiräte bei den größeren Strafanstalten“ aus dem Jahr 1919 empfiehlt, möglichst an allen Beiräten Frauen zu beteiligen. Dieser Fortschritt war gleichwohl mit der Maßgabe verbunden, dass ihr Wirkungskreis in den Männeranstalten oder - Abteilungen auf die Hauswirtschaft oder andere geeignete Zweige des Arbeitsbetriebs beschränkt bleiben sollte.

Wie Sie alle wissen, ist es dabei nicht geblieben! Die aktuelle Fassung unserer Allgemeinen Verfügung über die Beiräte bei den Justizvollzugsanstalten sieht vor, dass insbesondere in Anstalten mit Frauenabteilungen mindestens - ein - Mitglied eine Frau sein soll.

Meine Damen und Herren,

Sie sehen: hier ist noch Luft nach oben! Die Tätigkeit von Frauen im Justizvollzug und auch in der gesamten Justiz hat deutlich zugenommen und das begrüße ich sehr! Richterinnen, Staatsanwältinnen, Rechtspflegerinnen, Anstaltsleiterinnen und viele mehr sorgen Tag für Tag dafür, dass in der Gesellschaft das Bild der Justiz kein rein Männliches mehr ist.

Der Frauenanteil unter den Bediensteten des allgemeinen Vollzugsdiensts lag im Jahr 2018 immerhin bei 20,6 Prozent. Im Jahr 1990 lag der Anteil noch bei 6,6 Prozent.
In anderen Berufsgruppen des Justizvollzugs, z.B. im psychologischen Dienst, liegt der Frauenanteil weit über dem Durchschnitt, im Jahr 2018 bei 66,1 Prozent.

Bei der Würdigung eines 40-jährigen Dienstjubiläums berichtete ein männlicher Jubilar mir erst kürzlich, er führe die deutliche Verbesserung des Anstaltsklimas und des kollegialen Miteinanders ganz eindeutig auf die steigende Präsenz weiblicher Bediensteter auf den Abteilungen zurück. Dem kann ich mich nur anschließen.

Im gesamten Vollzug ist eine geschlechterparitätische Besetzung unserer Stellen anzustreben und diesen Gedanken finde ich auch bei der Besetzung der Beiräte reizvoll.

•    Nachwuchsgewinnung im Justizvollzug

Das Bild einer modernen, fortschrittsorientierten Justiz ist unerlässlich bei der Bewältigung einer weiteren Herausforderung unserer Zeit: der Suche nach qualifiziertem Nachwuchs für unsere Justizvollzugsanstalten.

Das Rückgrat des Justizvollzugs in Nordrhein-Westfalen sind seine engagierten und hoch motivierten Bediensteten.
Sie garantieren einen reibungslosen Ablauf, sei es in puncto Sicherheit oder bei der Behandlung der Gefangenen. Mit ihrem Dienst in den Justizvollzugsanstalten setzen sie sich täglich für das Gemeinwohl ein und haben es dabei oft nicht leicht. Wir suchen hoch qualifizierte Kräfte, die den Gefangenen drinnen Regeln für draußen vermitteln, und sie als Vorbilder und Menschen bei der Wiedereingliederung in der Gesellschaft unterstützen. Da wollen wir auch keine Abstriche machen.

Die Gewinnung von Nachwuchskräften gehört deshalb zu den wichtigsten Zukunftsthemen der Justiz des Landes Nordrhein-Westfalen. Die Justiz sieht sich genauso wie alle anderen öffentlichen Arbeitgeber und nicht zuletzt auch die Privatwirtschaft in einem harten Wettbewerb um die besten Köpfe. Landauf, landab herrscht Fachkräftemangel und deswegen ist es auch keine Besonderheit und auch kein Wunder, dass freie Stellen im Justizvollzug mit qualifiziertem Nachwuchs nicht immer leicht zu besetzen sind.

Um die Justiz als attraktiven Arbeitgeber im Wettbewerb gut zu positionieren und noch besser in der Öffentlichkeit bekannt zu machen, haben wir im Januar 2019 eine landesweite Marketingkampagne unter dem Titel „Arbeiten bei der Justiz.NRW. Den Menschen im Sinn.“ gestartet. Sie spricht alle Bevölkerungsgruppen und natürlich auch alle Geschlechter gleichermaßen an.
Wir müssen zeigen was wir können und zu bieten haben! Die Motivation, die die Angehörigen der Justizfamilie NRW tagtäglich unter Beweis stellen kann anderen Beispiel sein und soll die Lust wecken, mitzumachen!

In den kommenden Wochen und Monaten wird es jetzt darum gehen, die einzelnen Berufsgruppen in der Justiz - darunter auch die weniger bekannten Berufsgruppen - öffentlich bekannt zu machen und für eine Tätigkeit im Justizvollzug stärker als bisher zu werben. Nachdem wir zu Beginn des Jahres 2019 mit einer Kampagne für die gesamte Justiz begonnen haben, haben wir im Herbst in Online-Medien mit dem „Knast-O-Mat“ intensiv für Nachwuchs im Allgemeinen Vollzugsdienst geworben. Mit dem „Knast-O-Mat“ wollen wir das Berufsbild des Allgemeinen Vollzugsdiensts in der Öffentlichkeit bekannter machen und nach qualifiziertem Nachwuchs für die Justizvollzugsanstalten suchen. Mit Hilfe dieser kleinen Computeranwendung erhält jeder Interessent eine erste Einschätzung, ob er in den Allgemeinen Vollzugsdienst passt oder auch nicht.

Aber nicht nur bei der personellen Ausstattung des Justizvollzugs, sondern auch bei seiner konzeptionellen und inhaltlichen Weiterentwicklung zeigen sich die Herausforderungen unserer Zeit.

Im vergangenen Jahr habe ich zwei Vorhaben in meinem Haus angestoßen, auf die ich heute aufgrund ihrer Bedeutung für die Fortentwicklung des Justizvollzugs gern etwas ausführlicher eingehen möchte.

•    Expertenkommission
 
Anfang des Jahres 2019 hat eine Expertenkommission ihre Arbeit aufgenommen, die sich mit Optimierungsmöglichkeiten im Justizvollzug auf den Gebieten des Brandschutzes, der Kommunikation und der psychischen Erkrankungen befassen sollte. Schon nach sechs Monaten hat diese Kommission ihren Bericht mit 53 Empfehlungen vorgelegt.

Die Bewertung und Umsetzung der Empfehlungen habe ich unmittelbar in Angriff genommen worden. Sie werden die Arbeit in der Abteilung Justizvollzug des Ministeriums auch in diesem Jahr maßgeblich prägen.

Einen Punkt möchte ich besonders hervorheben:

Die Situation psychisch Kranker im Justizvollzug ist verbesserungswürdig.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Justizvollzug betonen einhellig den Eindruck, dass die Zahl psychisch kranker bzw. erheblich psychisch gestörter Gefangener, teilweise bedingt durch neuartige Drogen, in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Die Versorgung dieser Personen, für die wir die Fürsorge und Verantwortung übernommen haben, ist im Moment nicht zufriedenstellend.

Im Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg stehen zwar stationäre Behandlungsplätze zur Verfügung, jedoch reichen diese Plätze bei weitem nicht aus, um den tatsächlichen Bedarf zu decken. Eine Erweiterung der Kapazitäten – auch für weibliche Gefangene – soll durch Umbaumaßnahmen bis 2021 erfolgen.

Eine einfache Lösung gibt es bei diesem Thema nicht und deswegen ist es mir wichtig, so viel Sachverstand wie möglich einzubinden. Wir müssen zusammen mit allen Beteiligten ganz genau hinsehen und auch nach kreativen Lösungen suchen. Diese kreativen Lösungen entstehen nicht einsam am Schreibtisch. Alle im Justizvollzug tätigen dürfen und müssen hier einen Beitrag leisten!

Um die Empfehlungen der Expertenkommission in einem möglichst breiten Konsens auch mit dem Gesetzgeber umzusetzen und erforderliche Finanzierungen zu sichern, hat sich die von mir einberufene Koordinierungsrunde zur Umsetzung der Empfehlungen der Expertenkommission, an der sich Vertreter aller im Landtag vertretenen Fraktionen beteiligen, im November 2019 konstituiert und soll nun die inhaltliche Arbeit an den einzelnen Empfehlungen aufnehmen.

•    EVALiS

Im Jahr 2019 habe ich noch ein weiteres „Großprojekt“ angestoßen, das für die Zukunft des Justizvollzugs wichtig ist: Die Evaluation im Strafvollzug (EVALiS).

Das Projekt habe ich Anfang des Jahres bereits den Mitgliedern des Rechtsausschuss und den Vertreterinnen und Vertretern der Presse vorgestellt, um so auch die Öffentlichkeit darüber zu informieren, welche Anstrengungen wir im Justizvollzug für eine erfolgreiche Resozialisierung unserer Gefangenen unternehmen.

Aufgrund der Bedeutung des Projekts möchte ich dieses noch etwas näher vorstellen:

Im Vollzug der Freiheitsstrafe sollen die Gefangenen befähigt werden, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen. Dieses Vollzugsziel schreibt uns das Gesetz vor. Es verpflichtet uns auch, geeignete Behandlungsmaßnahmen zur Erreichung dieses Zieles vorzuhalten und nennt dafür sogar Beispiele, wie Maßnahmen zum Erwerb sozialer Kompetenzen, therapeutische Angebote, schulische und berufliche Fördermaßnahmen, Motivations- und Beratungsangebote für Suchtkranke und Schuldnerberatung.

Doch fehlt es derzeit an einer umfassenden und strukturierten Erfassung wie sich die einzelnen Maßnahmeangebote voneinander unterscheiden und wie sich die erfolgreiche Beendigung der Maßnahme im Vollzug auf die spätere Legalbewährung nach der Entlassung auswirkt.

Für eine rationale Steuerung des Maßnahmeangebots in den Justizvollzugsanstalten müssen wir wissen, welche Maßnahmen einen mehr oder weniger großen Beitrag zur Reduzierung der Rückfallquoten leisten. Es ist nicht hinnehmbar, dass es dazu viel zu wenig gesicherte Erkenntnisse gibt. Zwar gibt es immer wieder auch bundesweit statistische Erhebungen zur Rückfallrate. Doch die bislang veröffentlichten Studien im Erwachsenstrafvollzug beschränken sich auf wenige inhaltliche Aussagen.
Aus ihnen lässt sich nicht ableiten, welchen Beitrag ein bestimmtes Angebot im Justizvollzug zu einer erfolgreichen Resozialisierung geleistet hat. Genau darum geht es aber bei unserem Behandlungsauftrag.

Deshalb habe ich unseren Kriminologischen Dienst mit einem Forschungsprojekt beauftragt, das den Namen EVALiS – Evaluation im Strafvollzug – trägt.

EVALiS sieht eine flächendeckende Bestandsaufnahme aller Behandlungsmaßnahmen im Strafvollzug des Landes Nordrhein-Westfalen vor, die nach ihrem eigenen Anspruch die Eingliederungschancen verbessern bzw. Rückfallrisiken senken sollen. Diese Bestandsaufnahme soll regelmäßig aktualisiert werden.

Auf der Basis dieser Bestandsaufnahme sollen alle erfassten Maßnahmen anhand ausgewählter Strukturmerkmale beschrieben und verglichen werden. Dies dient der Qualitätssicherung, soll aber auch ggf. nötige Priorisierungen ermöglichen. Und es soll die im Vollzug messbare Effektivität der Maßnahmen geprüft werden.

Im Anschluss sollen die rückfallsenkenden Wirkungen der unterschiedlichen und mehr oder weniger erfolgreich durchgeführten Maßnahmen analysiert werden.
Das ist ein für Deutschland in seiner analytischen Tiefe wegweisendes und für den Justizvollzug revolutionäres Projekt.

Nach mehr als einem Jahr der Vorbereitung ist es im vergangenen Jahr gelungen, den Grundstein für das Projekt zu legen und mit der Arbeit nach wissenschaftlichen Standards zu beginnen.

Der Prozess der Datenerhebung hat jedoch erst begonnen und ist auf Jahre hinweg angelegt. Eine wissenschaftlich fundierte und praktisch aussagekräftige Studie zur Rückfallanalyse werden wir daher voraussichtlich erst in drei bis fünf Jahren vorlegen können. Auf die Ergebnisse dürfen wir gespannt sein.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass diese erste Strukturanalyse mir schon heute Anlass gibt, über eine neue Form der Diagnostik und eine andere Schwerpunktsetzung im Behandlungsvollzug nachzudenken. Um keine Zeit zu verlieren, werde ich daher vier Arbeitsgruppen einsetzen, die folgende Aufgabenstellungen angehen sollen:

1. Passgenaue Ermittlung des Behandlungsbedarf

Die vorläufige Auswertung des Maßnahmenkatalogs durch den Kriminologischen Dienstes zeigt, dass wir für die Entscheidung, auf welche Art und Weise ein Gefangener behandelt wird, eine noch deutlich tiefere Analyse des einzelnen Behandlungsbedarfs brauchen. Denn für die Entscheidung, ob ein Gefangener Zugang zu einer bestimmten Maßnahme erhält, ist eine individuelle Prüfung seiner Eignung, seines Bedarfs und seines Rückfallrisikos erforderlich.

Daraus folgt, dass wir das Einweisungsverfahren, das in Nordrhein-Westfalen zentral in der Justizvollzugsanstalt Hagen stattfindet, reformieren und neue Mindeststandards für eine Zugangssteuerung und Eingangsdiagnostik festlegen müssen.

2. Behandlungskonzepte stärker an den Ursachen von
    Kriminalität ausrichten

Die Angebotsvielfalt in unseren Justizvollzugsanstalten lässt einen deutlichen Schwerpunkt bei der Suchtbehandlung erkennen. Dagegen könnte das Angebot an therapeutischen und deliktsorientierten Maßnahmen größer ausfallen.

Unter Berücksichtigung unserer Gefangenenklientel empfiehlt es sich für den Vollzug von kurzen Freiheitsstrafen mehr deliktsorientierte Behandlungsansätze zu entwickeln, die beispielsweise der Behandlung von Intensivtätern oder Betrügern dienen, um ihr spezifisches Rückfallrisiko zu senken.

3. Ausweitung des Übergangsmanagements

Für eine erfolgreiche Resozialisierung gilt außerdem ein gleitender Übergang in Hilfen außerhalb des Justizvollzugs als besonders wichtig. Hier bietet der Justizvollzug bei den Themen Arbeit, Schulden und Sucht vielversprechende Behandlungsansätze an.

Ein erfolgreiches Übergangsmanagement muss jedoch ganzheitlich gedacht werden. Gerade für die große Gruppe der Gefangenen mit kurzen Freiheitsstrafen oder Ersatzfreiheitsstrafen erscheinen nach dem Bericht des Kriminologischen Dienstes zusätzliche Angebote erforderlich, über die nachgedacht werden muss.

4. Landeseinheitliche Motivierungsstrategie

Auch das beste Angebot hilft nichts, wenn Gefangene zu einer Teilnahme nicht bereit sind. Und gerade die Motivation der Gefangenen lässt leider oftmals zu wünschen übrig.

Um den aktivierenden Behandlungsvollzug nicht nur auf dem Papier zu leben, legt der Bericht nahe, eine landeseinheitliche Motivierungsstrategie zu entwickeln. Sie soll Anreize zur Teilnahme an Behandlungsmaßnahmen, Gesprächsangebote zur Stabilisierung von Arbeitsbeziehungen und eine Strategie zur Verhinderung des Abbruchs von Maßnahmen enthalten.

Schon aus diesen ersten Erkenntnissen können Sie entnehmen, dass die Studie auf eine grundlegende Optimierung des Behandlungsvollzugs in Nordrhein-Westfalen zielt.

Auch wenn eine Falldatenanalyse, bei der die Gefangenendaten intensiv ausgewertet werden, noch eine Weile in Anspruch nehmen wird, zeigen diese Befunde, dass wir schon heute genügend Stoff haben, um unseren Justizvollzug bei der Behandlung der Gefangenen für die Zukunft neu und effektiver aufzustellen.

Die Erhebungen, Forschungsvorhaben und Verbesserungsansätze können jedoch nur dann den gewünschten Erfolg haben, wenn Sie auf die Akzeptanz und Unterstützung der Öffentlichkeit stoßen.

•    Der Beirat als Vertreter der Öffentlichkeit

Die Rolle, die Sie als Beiratsmitglieder für die Akzeptanz des Justizvollzugs in der Öffentlichkeit haben, ist von großer Bedeutung. Sie haben die wichtige Aufgabe, Mittler zwischen Anstalt und Öffentlichkeit zu sein und leisten einen wichtigen Beitrag zur Resozialisierung.

Letztlich kann den Betroffenen nur dann Hilfe zuteilwerden, wenn die Öffentlichkeit bereit ist, den straffällig gewordenen Menschen wieder voll in die Gesellschaft aufzunehmen. Hier gilt es, die Bereitschaft der Bevölkerung zur Auseinandersetzung mit den Problemen des Strafvollzugs zu wecken und um Verständnis für die Maßnahmen eines angebotsorientierten Vollzuges zu werben.

Bei der Aufgabe, der Öffentlichkeit die Arbeit des Justizvollzugs näher zu bringen spielen auch öffentliche und kulturelle Veranstaltungen eine wichtige Rolle.

Während der Knastkulturwoche vom 18. bis 24. November 2019 haben in vielen Justizvollzugsanstalten kulturelle Veranstaltungen unter Teilnahme der Öffentlichkeit stattgefunden. Gefangene und Bedienstete haben zum zweiten Mal gemeinsam gezeigt, welche kreativen Ideen in unseren Justizvollzugsanstalten entstehen und welche Schaffenskraft der moderne Behandlungsvollzug hervorbringen und fördern kann.

Im Anschluss an den formellen Teil dieser Veranstaltung haben Sie die Möglichkeit, sich von der kreativen Arbeit, die in unseren Justizvollzugsanstalten geleistet wird, ein Bild zu machen. Die künstlerische Sammlung des Projekts Knastkultur hat die Wände des vor unserem Saal liegenden Flurs mit Werken von Gefangenen bestückt.

An der Knastkulturwoche haben auch viele Ehrenamtler aktiv mitgewirkt oder waren zu Gast bei einer Veranstaltung. Ihre Beteiligung an solchen kulturellen Veranstaltungen, wie die während der Knastkulturwoche, erscheinen auf den ersten Blick vielleicht marginal. Doch für die Gefangenen bedeutet Ihr Interesse viel. Sie spüren durch Ihren Einsatz für den Justizvollzug, dass sie, obwohl sie sich hinter Gittern befinden, von der Gesellschaft wahrgenommen und akzeptiert werden.

Meine Damen und Herren,

bei all den Herausforderungen denen wir uns derzeit gegenüber sehen und welche noch auf uns zukommen mögen bin ich froh, Ihrer Unterstützung gewiss zu sein. Für Ihren Einsatz für den Justizvollzug, Ihr Engagement und Ihr Interesse möchte ich mich an dieser Stelle sehr herzlich bedanken.

Ich freue mich jetzt ganz besonders, auf den Gedankenaustausch mit Ihnen und die Besprechung der Themen, die für Sie von besonderem Interesse sind. Ich bitte um Verständnis dafür, dass wir nicht alle der von Ihnen angemeldeten Themen auf die ohnehin schon sehr gut gefüllte Tagesordnung setzen konnten. Sollte sich Ihr Thema nicht auf der Tagesordnung wiederfinden, können wir am Rande der Veranstaltung gerne darüber sprechen. Die zuständigen Fachreferate werden sich dieser Fragestellungen aber auch unabhängig von der heutigen Veranstaltung annehmen und Ihnen die Stellungnahmen über die jeweiligen Justizvollzugsanstalten zukommen lassen.  

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche uns nun allen einen interessanten und produktiven Tag und eine angemessen Würdigung des 100jährigen Jubiläums.




Für Fragen, Kommentare und Anregungen steht Ihnen zur Verfügung: pressestelle@jm.nrw.de