/WebPortal_Relaunch/Service/mediathek_neu

Justizministerium NRW

Quelle: Justiz NRW

Ansprache von Herrn Staatssekretär der Justiz des Landes Nordrhein-Westfalen Dirk Wedel anlässlich des Festaktes "50 Jahre Frankreichseminar" am 21. März 2022 in Paris

21.03.2022

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Botschafter,

haben Sie herzlichen Dank für den großzügigen Empfang und Ihre freundliche Begrüßung.
Ihre Einladung, den 50. Geburtstag unseres Frankeichseminars in diesem prächtigen Rahmen zu feiern, ist eine große Ehre für das Ministerium der Justiz des Landes Nordrhein-Westfalen, für das Frankreichseminar als solches und alle, die mit ihm verbunden sind. Wir wissen diese Auszeichnung sehr zu schätzen.

Madame la bâtonnière,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde des Frankreichseminars,
liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer des aktuellen Seminars,

als Vertreter des Landes Nordrhein-Westfalen heiße auch ich Sie herzlich willkommen. Uns allen möchte ich zu dem „runden Geburtstag“ gratulieren, den wir heute in dieser wunderbaren Umgebung feiern dürfen.

50 Jahre! Ein Alter, das sich die Referendarinnen und Referendare unter Ihnen kaum vorstellen können: So alt mögen Ihre Eltern sein. So alt sind – um Ihnen eine Orientierung zu geben – etwa auch das Centre Pompidou und der französische Hochgeschwindigkeitszug TGV.

Das Justizministerium Nordrhein-Westfalen hat es 1972 gewagt, sich mit dem Frankreichseminar „selbstständig“ zu machen und bietet seitdem Rechtsreferendarinnen und Rechtsreferendaren aus ganz Deutschland zweimal pro Jahr ein Seminar zur Einführung in das französische Rechtswesen und in die französische Rechtssprache an. Von Beginn an wurde die Gruppe dem Bâtonnier de Paris vorgestellt und von dem Leiter der Rechts- und Konsularabteilung der deutschen Botschaft – also Ihren Amtsvorgängern, lieber Herr Dr. PERNHORST – empfangen.

Die Ursprünge des Frankreichseminars sind noch älter: Im Oktober 1959 betraute die Justizministerkonferenz das Land Nordrhein-Westfalen damit, federführend für alle anderen Landesjustizverwaltungen Ausbildungsaufenthalte deutscher Referendarinnen und Referendare bei französischen Ausbildungsstellen zu vermitteln.
Dies geschah nach Kontaktaufnahme mit der Pariser Anwaltschaft ab 1961.
Vorbereitet wurden die Aufenthalte bis 1971 durch dreiwöchige Vorbereitungslehrgänge in Zusammenarbeit mit der Universität des Saarlandes. An deren Stelle trat 1972 das Frankreichseminar, das man seit Ende der 1990er Jahre auch besuchen kann, ohne unmittelbar danach die Wahlstation bei einer französischen Anwältin bzw. einem Anwalt zu absolvieren.

Der Zuspruch, den das Frankreichseminar erfährt, ist ungebrochen:
Für jedes Seminar bewerben sich etwa 70 bis 100 Referendarinnen und Referendare aus ganz Deutschland. Rund 80 % der Bewerbungen stammen übrigens von Frauen, das ist weit mehr als ihr Anteil am Vorbereitungsdienst ausmacht.

Teilgenommen haben an den Seminaren im Laufe der Zeit weit über 2.000 Referendarinnen und Referendare. Für viele dürften sich hier in Paris die Weichen für eine internationale Karriere gestellt haben. Einige von ihnen sind mittlerweile selbst in Paris Gastgeber für die nachfolgenden Generationen von Juristinnen und Juristen geworden: Lieber Herr LETSCHERT, lieber Herr BELTZ, ich danke Ihnen sehr für Ihr großes Engagement und Ihre Treue zum Frankreichseminar.

Was eint und was unterscheidet die Bewerberinnen und Bewerber von 1972 und von 2022?

Sie eint zweifellos ihre Frankophilie: ihre Liebe zu Frankreich und zur französischen Sprache.

Ebenso eint sie ihr Interesse daran, ihren juristischen Beruf grenzüberschreitend auszuüben, sei es als Anwältin oder Anwalt in Deutschland mit Bezug auf den französischen Rechtsverkehr oder in Frankreich mit Bezug auf deutsche Mandantinnen und Mandanten oder als Juristin bzw. Jurist bei einer europäischen Institution.
Hier liegt übrigens der Ursprung des Frankreichprogramms: Die Justizministerkonferenz 1959 hatte den Nachwuchsbedarf der europäischen Institutionen erkannt und wollte diesen u.a. durch den Austausch mit Frankreich aktiv fördern.
Den Nachwuchsbedarf an international ausgerichteten Juristinnen und Juristen zu decken, ist eine Daueraufgabe, der sich das Justizministerium Nordrhein-Westfalen auch 2022 gerne stellt.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eint ferner ihre Qualifikation, die von Beginn an das wesentliche Auswahlkriterium darstellte, und doch liegt hier ein großer Unterschied:

Seit Ende der 1990er Jahre haben praktisch alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Frankreichseminars einen deutsch-französischen Studiengang absolviert. Das gilt auch für Sie, meinen Damen und Herren.
Es versteht sich, dass Ihre Kenntnisse im französischen Recht die Ihrer Vorgängerinnen und Vorgänger von 1972 deutlich übersteigen. Da Sie in der Regel zwei Jahre in Frankreich gelebt haben, sind auch Ihre Sprachkenntnisse im Durchschnitt weitaus besser.
2022 hat auch in der Regel niemand mehr Schwierigkeiten, ohne Hilfe des Justizministeriums Nordrhein-Westfalen eine Station bei einer französischen Anwaltskanzlei zu finden: Beide Länder und beide Rechtssysteme, massiv beeinflusst durch die EU, sind in den vergangenen 50 Jahren glücklicherweise sehr eng zusammengerückt.

Was kann Ihnen das Frankreichseminar dann überhaupt noch bieten?

Das Frankreichseminar ruht seit Ende der 1990er Jahre auf zwei Säulen, sein Gewölbe wird von dem Barreau de Paris getragen.

Die erste Säule ist der fachtheoretische Teil: die Einführung in den Gerichtsaufbau, in die Prozessrechte und die Rechtssprache. Seit einigen Jahren setzt das Justizministerium Nordrhein-Westfalen Herrn Direktor des Amtsgerichts HOLTMANN und Frau Richterin am Amtsgericht Dr. SCHOTTEN als Lehrende ein.

Ich danke beiden für ihr Engagement und freue mich, Sie, lieber Herr HOLTMANN, heute Abend begrüßen zu können.

Die zweite Säule des Frankreichseminars stellen die Besuche französischer Gerichte und anderer hochrangiger Institutionen dar: Conseil constitutionnel, Cour de Cassation, Conseil d’État, Cour des Comptes, Justizministerium, International Chamber of Commerce.

Sehr geehrte Damen und Herren, die Sie diese Institutionen vertreten, Ihnen allen sage ich herzlichen Dank dafür, dass Sie uns Türen öffnen, die selbst Einheimischen häufig verschlossen sind. Ich kann Ihnen versichern, dass Sie den deutschen Referendarinnen und Referendaren unvergessliche Eindrücke verschaffen, für die sie Ihnen sehr dankbar sind.

Erst wenn der Schlussstein gesetzt ist, trägt das Gewölbe sich selbst.

Schlussstein im Gewölbe des Frankreichseminars ist das Barreau de Paris:
Nur dank der immerwährenden Unterstützung der Pariser Anwaltschaft, ist es über die Jahre möglich gewesen, das Frankreichseminar durchzuführen.

Das Barreau de Paris stellt uns Räume zur Verfügung und unterstützt uns bei der Vermittlung von Ausbildungsstationen. Ich freue mich, dass ich Ihnen, sehr geehrte Frau COUTURIER dafür heute meinen persönlichen Dank aussprechen kann.

Herzlicher Dank gebührt zudem – vor allem! – den Mitgliedern der Commission franco-allemande, allen voran ihrem Präsidenten, Herrn ROTH, sowie ihren Vizepräsidenten Herrn BELTZ, Herrn KLEIN und Frau STARY sowie Herrn LETSCHERT, für ihre Vorträge, ihre Begleitung und ihre vielfältige Förderung des Programms.

Die Ausbildung des anwaltlichen Nachwuchses im Großraum Paris obliegt der EFB, der Anwaltsschule des Barreau de Paris. Es versteht sich, dass diese Einrichtung in das Frankreichseminar eingebunden ist und die Zusammenarbeit wird ständig verbessert: Seit einiger Zeit lernen die deutschen Referendarinnen und Referendare nicht nur das französische Ausbildungssystem kennen, sondern arbeiten auch im Rahmen eines Workshops mit französischen Anwaltsschülerinnen und Anwaltsschülern zusammen. Dieser Weg soll weiter beschritten werden. Ich danke Herrn ACCOMONDO und Frau CLAUSS sehr für diese wertvolle Zusammenarbeit.

Fast auf den Tag genau vor 5 Jahren, am 22.02.2017, haben der Bâtonnier von Paris und der Justizminister des Landes Nordrhein-Westfalen eine verbindliche Erklärung unterzeichnet, die auf der einen Seite das Frankreichseminar abgesichert und auf der anderen Seite das Séminaire d’Allemagne ins Leben gerufen hat: Schülerinnen und Schüler der Pariser Anwaltsschule sollen im Rahmen eines „spiegelbildlichen“ Seminars in das deutsche Rechtssystem und in die deutsche Rechtssprache eingeführt werden.
Seit 2018 findet das Séminaire d’Allemagne – von einer coronabedingten Pause abgesehen – zweimal pro Jahr in Düsseldorf statt. Es ist mir stets eine besondere Freude, die Anwaltsschülerinnen und Anwaltsschüler im Ministerium der Justiz zu begrüßen. Ich werde alles in meiner Macht Stehende dafür tun, dass dem Séminaire d’Allemagne derselbe Erfolg beschieden sein wird wie dem Frankreichseminar.

Sehr geehrter Herr Botschafter,

ich verstehe Ihre großzügige Einladung nicht nur als Anerkennung der Leistungen der deutsch-französischen Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Juristenausbildung in den vergangenen 50, wenn nicht gar 60 Jahren, sondern auch als Ansporn, auf diesem Weg weiterzugehen.

Frieden, Freundschaft und Wohlstand sind alles andere als selbstverständlich.
Sie bedürfen eines ständigen Kontakts, eines engen Austauschs zwischen den Ländern und seinen Bürgerinnen und Bürgern.
Nordrhein-Westfalen ist es traditionell ein besonderes Anliegen, den Austausch zwischen Deutschland und Frankreich aktiv zu fördern.
Dies wird auch weiterhin unter anderem durch das Frankreichseminar geschehen.
Anlässlich seines 50. Geburtstags wünsche ich mir eine Fortsetzung der Erfolgsgeschichte des Frankreichseminars.
Auf die nächsten 50 Jahre.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Für Fragen, Kommentare und Anregungen steht Ihnen zur Verfügung: pressestelle@jm.nrw.de